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    Psychologie & Entscheidungen
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    Solomon's Paradox: Warum du bei anderen klüger entscheidest als bei dir selbst

    Solomon's Paradox erklärt, warum wir fremde Probleme weiser beurteilen als eigene. Mit der Studie von Grossmann und Kross, dem Prinzip Self-Distancing und konkreten Regeln für deine Website.

    von Josef Kujawski6 Min Lesezeit
    Solomon's Paradox: Warum du bei anderen klüger entscheidest als bei dir selbst
    Kurzantwort
    Solomon's Paradox beschreibt, dass Menschen über fremde Probleme weiser nachdenken als über eigene. Grossmann und Kross wiesen 2014 in drei Experimenten nach, dass dieser Effekt bei Jüngeren und Älteren gleich stark ist, aber verschwindet, sobald man die eigene Lage aus der Sicht eines Außenstehenden betrachtet. Für Websites heißt das: Deine eigenen Schwächen siehst du kaum, weil dir der Abstand fehlt. Abhilfe schaffen Perspektivwechsel, Sprechen in der dritten Person und echte Außensicht durch Tests, Audits oder Workshops.

    Das Problem: Bei anderen siehst du es sofort

    Du schaust dir die Website eines Bekannten an und weißt nach zehn Sekunden, was nicht stimmt: zu viel Text, keine klare Botschaft, der wichtigste Button versteckt. Dann öffnest du deine eigene Website und siehst: nichts. Alles wirkt logisch, jede Formulierung hat einen Grund, jede Sektion eine Geschichte.
    Das liegt nicht daran, dass deine Website besser ist. Es liegt daran, dass du drinsteckst. Die Psychologie hat dafür einen Namen: Solomon's Paradox.

    Das Prinzip: Weise für andere, blind für sich selbst

    Die Psychologen Igor Grossmann (University of Waterloo) und Ethan Kross (University of Michigan) haben 2014 untersucht, ob Menschen über fremde Probleme klüger nachdenken als über eigene. [1] Ihr Ergebnis aus drei Experimenten mit insgesamt 693 Teilnehmenden war eindeutig: Ja.
    Gemessen wurde nicht Intelligenz, sondern weises Denken in vier Dimensionen:
    1. Grenzen des eigenen Wissens erkennen: Ich weiß nicht alles über diese Situation.
    2. Andere Perspektiven einnehmen: Wie sieht die andere Seite das?
    3. Kompromisse suchen: Gibt es eine Lösung, die beiden gerecht wird?
    4. Veränderung mitdenken: Wie könnte sich die Lage entwickeln?
    Teilnehmende, die sich vorstellten, der Partner eines Freundes sei untreu gewesen, dachten in all diesen Dimensionen deutlich weiser als jene, die dasselbe Szenario für ihre eigene Beziehung durchspielten. [2]
    Schaubild: Beim eigenen Problem verengt sich der Blick, beim fremden Problem werden mehrere Perspektiven sichtbar
    Mit Abstand werden aus einem Tunnelblick mehrere Perspektiven.

    Herkunft und Einordnung

    Benannt ist der Effekt nach König Salomo, der in der biblischen Überlieferung als Inbegriff der Weisheit gilt. Menschen reisten von weit her, um seinen Rat zu hören. In seinem eigenen Leben traf er jedoch Entscheidungen, die zum Niedergang seines Reiches beitrugen. Grossmann und Kross stellen ihrer Studie passend einen Satz aus den Sprüchen Salomos voran: „Der Weg des Toren ist recht in seinen eigenen Augen."
    Zwei Befunde machen die Studie besonders interessant:
    • Alter schützt nicht. Jüngere (20 bis 40 Jahre) und ältere Teilnehmende (60 bis 80 Jahre) zeigten denselben Effekt. Das Sprichwort „Mit dem Alter kommt die Weisheit" hilft bei eigenen Problemen also nicht weiter.
    • Abstand hebt den Effekt auf. Wer gebeten wurde, die eigene Situation aus der Perspektive eines Außenstehenden zu betrachten, dachte genauso weise wie bei einem fremden Problem. Die Asymmetrie verschwand vollständig.
    Das Prinzip dahinter heißt Self-Distancing: psychologischer Abstand zum eigenen Ich. Folgestudien zeigen, dass schon kleine sprachliche Kniffe wirken. Wer über sich selbst in der dritten Person oder mit dem eigenen Vornamen nachdenkt, reguliert Stress besser und urteilt nüchterner. [3] In einer Tagebuchstudie über vier Wochen verbesserte das tägliche Reflektieren aus Beobachterperspektive das weise Denken im Alltag messbar. [4]

    Anwendung auf digitale Produkte

    Solomon's Paradox erklärt, warum so viele kluge Unternehmerinnen und Unternehmer schwache eigene Websites haben. Sie beraten ihre Kunden präzise, verlieren aber beim eigenen Auftritt den Überblick:
    • Die eigene Startseite: Du kennst jede Leistung und willst keine weglassen. Ein Außenstehender sieht nur: zu viele Botschaften gleichzeitig.
    • Texte aus Innensicht: Fachbegriffe, interne Produktnamen und „wir"-Sätze wirken für dich selbstverständlich, für Besucher sind sie Hürden.
    • Positionierung: Bei Wettbewerbern erkennst du sofort, wenn sie austauschbar klingen. Bei dir selbst fällt es schwer, das Besondere auf einen Satz zu bringen.
    • Feature-Entscheidungen: Am eigenen Produkt hängt man an Funktionen, die man selbst gebaut hat, auch wenn Nutzer sie nicht brauchen.
    SituationInnensichtAußensicht
    Startseite„Alles ist wichtig"„Was ist die eine Botschaft?"
    TexteFachsprache wirkt präziseFachsprache wirkt abweisend
    Positionierung„Wir sind einzigartig"„Klingt wie alle anderen"
    RelaunchBestehende Struktur bewahrenStruktur vom Besucher aus neu denken
    Kernaussage
    Solomon's Paradox ist kein Kompetenzproblem, sondern ein Perspektivproblem. Du musst nicht klüger werden, um deine eigene Website besser zu beurteilen. Du brauchst Abstand.

    Die Lösung: Abstand gezielt herstellen

    Konkret kannst du das Paradox so umgehen:
    1. Frag dich, was du einem Kunden raten würdest. Formuliere dein Problem so, als hätte es dir ein Bekannter geschildert. Die Antwort fällt oft überraschend klar aus.
    2. Sprich in der dritten Person. „Was sollte Firma X auf ihrer Startseite sagen?" statt „Was sollten wir sagen?" Klingt seltsam, wirkt laut Forschung aber messbar.
    3. Denk in die Zukunft. Wie wirst du diese Entscheidung in einem Jahr bewerten? Zeitlicher Abstand wirkt ähnlich wie räumlicher.
    4. Hol dir echte Außensicht. Nutzertests, ein Audit oder ein Workshop mit Externen liefern den Abstand, den du dir selbst nur begrenzt geben kannst.

    Der Maluure-Ansatz

    Wir kennen den Effekt aus beiden Richtungen. Bei Kundenprojekten sind wir die Außenstehenden, die schnell sehen, wo eine Website hakt. Bei unserer eigenen Website geht es uns wie allen anderen. Deshalb lassen wir eigene Seiten im Team gegenprüfen, von Leuten, die nicht daran gearbeitet haben, und starten Kundenprojekte mit einem Blick von außen, bevor wir Lösungen entwerfen.
    Die meisten Kundinnen und Kunden wissen sehr genau, was sie tun. Was ihnen fehlt, ist der Blick von außen auf das eigene Unternehmen. Genau diesen Abstand bringen wir mit, und er ist oft wertvoller als jede Designidee.
    – Josef Kujawski, Geschäftsführer Maluure GmbH

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    Häufige Fragen

    Was ist Solomon's Paradox?+
    Die Beobachtung, dass Menschen über die Probleme anderer weiser nachdenken als über ihre eigenen. Igor Grossmann und Ethan Kross haben den Effekt 2014 in drei Experimenten mit 693 Teilnehmenden nachgewiesen.
    Warum heißt der Effekt nach König Salomo?+
    Salomo gilt in der biblischen Überlieferung als Inbegriff der Weisheit und wurde von vielen um Rat gefragt. In seinem eigenen Leben traf er jedoch Entscheidungen, die zum Niedergang seines Reiches beitrugen.
    Was bedeutet weises Denken in der Studie?+
    Gemessen wurden vier Dimensionen: die Grenzen des eigenen Wissens erkennen, andere Perspektiven einnehmen, Kompromisse suchen und mögliche Veränderungen mitdenken.
    Werden ältere Menschen von Solomon's Paradox weniger beeinflusst?+
    Nein. Jüngere (20 bis 40 Jahre) und ältere Teilnehmende (60 bis 80 Jahre) zeigten denselben Effekt. Alter allein macht bei eigenen Problemen nicht weiser.
    Was ist Self-Distancing?+
    Self-Distancing bedeutet, die eigene Situation aus der Perspektive eines Außenstehenden zu betrachten, etwa in der dritten Person oder mit dem eigenen Vornamen. In der Studie hob das den Effekt vollständig auf.
    Wie kann ich Solomon's Paradox im Alltag überwinden?+
    Frag dich, was du einem Freund oder Kunden in derselben Lage raten würdest, sprich über dich in der dritten Person oder stell dir vor, wie du die Entscheidung in einem Jahr bewertest.
    Was hat Solomon's Paradox mit meiner Website zu tun?+
    Bei der eigenen Website fehlt dir der Abstand: Du kennst jede Entscheidung dahinter und übersiehst deshalb überladene Startseiten, Fachsprache oder unklare Positionierung, die dir bei anderen sofort auffallen würden.
    Ist Solomon's Paradox dasselbe wie der Bias Blind Spot?+
    Nein, aber sie sind verwandt. Der Bias Blind Spot beschreibt, dass wir Denkfehler eher bei anderen als bei uns selbst erkennen. Solomon's Paradox beschreibt, dass wir für andere insgesamt weiser abwägen und urteilen.

    Quellen

    1. Grossmann, I. & Kross, E.: Exploring Solomon's Paradox. Self-Distancing Eliminates the Self-Other Asymmetry in Wise Reasoning About Close Relationships in Younger and Older Adults. Psychological Science, 25(8), Association for Psychological Science (2014)
    2. Distance From a Conflict May Promote Wiser Reasoning (Pressemitteilung), Association for Psychological Science (2014)
    3. Kross, E. et al.: Self-Talk as a Regulatory Mechanism. How You Do It Matters. Journal of Personality and Social Psychology, 106(2), American Psychological Association (2014)
    4. Grossmann, I. et al.: Training for Wisdom. The Distanced-Self-Reflection Diary Method. Psychological Science, 32(3), Association for Psychological Science (2021)
    #Psychologie#Entscheidungen#Self-Distancing#Perspektive
    Josef Kujawski
    Autor
    Josef Kujawski
    Geschäftsführer & Creative Director bei Maluure

    Josef leitet die strategische und gestalterische Entwicklung von Marken bei Maluure. Seit über einem Jahrzehnt begleitet er mittelständische Unternehmen von der Markenpositionierung bis zur digitalen Umsetzung.

    Geschäftsführer der Maluure GmbH, Köln. Spezialisiert auf Corporate Design, Markenstrategie und digitale Markenerlebnisse.

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